Atin Aolay (723 - 744 n.I.)

war ein thiioer Dichter und Mystiker.

 

Atin Aolay wurde 723 n.I.  im Aolay-Obdachlosenhaus in Thiios als Sohn einer Immigrantin aus einer unbekannten Kleinwelt geboren. Über den Vater ist nichts bekannt, die Mutter verstarb, als Atin fünf Jahre alt war. Der Name Aolay kommt von seinem Ziehvater Aperdin Aolay, dem Leiter des Obdachlosenhauses, der sich um die Einwanderer kümmerte (und den fünfjährigen Atin schließlich adoptierte).

 

Im Zuge eines Lyrikwettbewerbes wurde der sechs Jahre ältere Gosef Gaar auf den jungen Atin Aolay aufmerksam. Im Alter von vierzehn Jahren wurde Aolay das jüngste Mitglied von Gaars literarischen Hauskreis  (zu dem auch Tremna Valloroust und Flist Opone gehörten). In Zusammenarbeit mit Gosef Gaar entstand Aolays erste Publikationen, das Lyrische Sagenbuch und den Gedichtzuyklus "Der Stongerdifu".

 

Aolay trennte sich rasch vom ästhetischen Ideal des Besinnlich-lyrischen, das Gaar ihm vermittelt hatte, und schrieb als Konsequenz das deutlich ausdruckstärkere "Die Rebellion als Stadt", in welchem er Gedichtfragmente zu einem großen Ganzen kombiniert; das Werk wurde später gerne als ein Aufschrei der erfahrenen Ungerechtigkeiten Aolays früher Jahre interpretiert wird.

 

Kurze Zeit später folgt als Nachfolgeband "Die Rebellion als Land", in welchem er erstmals Elemente der Mythen und Überlieferungen aufgreift, wenngleich dieser Umstand unter Experten umstritten ist. Keiner der beiden Gedichtbände fand besonderen Anklang, nur dem Engagement Gaars war es zu verdanken, dass sie überhaupt an die Öffentlichkeit gelangten.

 

Offenbar durch die geringe Anerkennung deprimiert zog sich Aolay für fast zwei Jahre nach Vewenheugen zurück, wo der gleichnamige Gedichtband entstand. Während dieser Zeit studierte er bereits die Mythologie von Chonosseym, und stieß offenbar auf einen alten Mönchsorden namens "Wächter der Stille". Inspiriert durch die philosophische Haltung, die er in den Schriften des Kodex zu erkennen glaubte, begann er die Arbeit an einer literarischen Fassung, in der der Konflikt zwischen einer absoluten und unnachgiebigen Philosophie mit ihrer praktischen Unumsetzbarkeit im Mittelpunkt steht. Er zeigte seine Notizen Gosef Gaar, der sogleich von dem Stoff fasziniert war, so kam es zu einer weiteren Zusammenarbeit, an deren Ende der Roman "Die Wächter der Stille" vorlag, in dem sowohl Gaars als auch Aolays Stil nebeneinander zu existieren scheinen. Dieses Buch fand große Anerkennung in den damals in Thiios aufkommenden okkulten bzw. mystischen Gruppen, was natürlich vor allem am geschichtlichen Vorbild, das hinzugezogen wurde, lag.

 

Einige Experten behaupten, dass Aolayden Stoff der "Wächter der Stille" stark verfremdet hätte, und dabei bereits den Keim seiner späteren Philosophie freigelegt habe. Hier ist anzumerken, dass Aolay selbst durchaus bewusst war, dass er eine Interpretation vornahm, wenn er Stoff aus der Geschichte und Überlieferung verwendete. (Vgl. dazu den Briefwechsel Aolay-Gaar von 740 n.I.)

 

Aolay beschäftigte sich außer mit den Wächtern der Stille noch mit weiteren Mythen, bei denen allerdings der Grad der Verfremdung, oder sogar Verfälschung, deutlich höher war. Keines dieser Werke wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht, einige Bekannte haben allerdings berichtet, sie gelesen zu haben, etwa der damals aufstrebende junge Theaterautor Tremna Valloroust, der sich ebenfalls mit den vorissoyanischen Mythen auseinandersetzte.

 

Aolays nächstes bedeutendes Werk, "Impressionen aus Riglomm", ist das genaue Gegenstück zu den frühen experimentiellen Werken. Aolay schafft hier meist kurze, klangsinnliche Wortgebilde. Bezüge zum ländlichen Leben tauchen häufiger auf, die Gebirgslandschaft inspirierte Aolay offenbar zu dichterischen Landschaftsbildern.

Gleichzeitig mit dieser Konkretisierung machte sich aber auch eine zunehmende Abstraktion bemerkbar. Aolay griff häufig zu Metaphern, die Anspielungen auf Mythologie darstellten, oder verschränkte Begriffe und Sätze ineinander, sodass deren Bedeutung undurchsichtiger wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass außer im geschlossenen Kreis um Gosef Gaar die Gedichte seiner mittleren Schaffensperiode kaum bekannt wurden.

 

Aolay verschloss sich zunehmend der Öffentlichkeit, verbrachte ganze Nächte damit, bei schwachem Licht alte Bücher zu lesen, deren Sprache er sich mühsam angeeignet hatte. Er begann, die damaligen philosophischen Ansichten der Hukisten infrage zu stellen und gründete auf dem, was er in den alten Schriften vorfand, ein neues Weltbild, eine Sichtweise, die er dann in teilweise sehr klaren Worten, aber nicht ohne gewisses poetisches Niveau, in seine Neunzehn Studien zu verpacken suchte. Seiner Essaysammlung gab er den Titel "Die Wurzel". Er versucht darin, Zeit und Seele gleichzusetzen, wobei er sich durchaus der vielen Lücken seiner Theorie bewusst war, wie man an vielen Stellen sehen kann, etwa am Ende seiner letzten Studie, "vom Glauben": "so stelle ich hiermit fest, dass nur der ewige Zweifel - begründet und gestützt auf Unzulänglichkeit von Allem - ein Schutz gegenüber dem Glauben sein kann und sein muss."

Seine Thesen wurden von den Hukisten mit wenigen Worten als blanker Unsinn abgetan, erst spätere Generationen setzten sich tiefer damit auseinander.

 

In zunehmender Verbitterung, zurückgezogen von der Welt in einem Haus, dass ihm Gosef Gaar zur Verfügung gestellt hatte, schrieb Aolay nun nächtelang an immer neuen Werken, grübelte über seinen Theorien und machte Notizen, die oft so rätselhaft waren, dass selbst Aolay-Kenner keinen Ansatz zu ihrer Deutung finden können. Seine Beschäftigung mit alten Sprachen führte zudem dazu, dass seine Gedichte von Fremdwörtern gespickt wurden, die ihrerseits noch verfremdet wurden, anscheinend durch einen unergründlichen Drang, sich hinter Worten zu verstecken, wie einige Interpreten meinen.

 

In dieser Zeit entstand sein letztes großes Hauptwerk "Sammelnde Werke", eine lose Folge von dreißig Gedichten, die anscheinend aus verschiedenen Lebensphasen zusammengestückelt sind, vielleicht hat sich Aolay früheren Entwürfen bedient, oder er wandte sich bewusst seiner Vergangenheit zu und kopierte seinen eigenen Stil, natürlich nicht ohne ihn seinerseits wieder zu entwickeln. "Alles an Aolays Werk ist Entwicklung, nichts steht je still, was unergründlich scheint, ist bloß vergangen.", meint Gosef Hemendaan, einer der bedeutendsten Interpreten von Aolays Schaffen.

 

Atin Aolay starb im Alter von einundzwanzig Jahren.  Das Haus, das ihm Gosef Gaar zur Verfügung gestellt hatte, war in einer Nacht etwa zur Hälfte abgebrannt, er selbst offenbar im Rauch gestorben. Bis heute ist umstritten, ob es sich beim aufgefundenen verkohlten Leichnahm überhaupt um Aolay handelte; jahrelang kursierten Theorien, nach denen Aolay noch am Leben war, und sich lediglich in eine der okkulten Gesellschaften zurückgezogen hatte, die zu dieser Zeit in Thiios eine Hochblüte erlebten. Sein letztes Gedicht "Der Osvogel", wurde postum zu einem großen Erfolg, was wohl hauptsächlich an den mysteriösen Umständen, in denen Aolay ums Leben gekommen war, lag. Anhand des signierten Datums auf einem der angekohlten Notizblätter wurde das Gedicht "Der Osvogel" als letzte schriftliche Aufzeichnung Aolays bekannt, welche daraufhin in allen Medien als Nachlass eines Verrückten abgedruckt wurde.

 

Tatsächlich wirkt "Der Osvogel", der wie sich herausstellte, Teil eines größeren Werkes war, das Aolay plante, deutlich verschieden von Aolays früheren Stil, von den klangsinnlichen Worträuschen der mittleren Schaffenszeit ist nichts mehr übrig, mit zugleich berechnenden und irrationalen Irrsinn schildert Aolay beinahe prosaisch seinen eigenen Untergang - so wurde es zumindest damals aufgefasst.

 

WICHTIGE WERKE


Lyrisches Sagenbuch (Gedichtband, mit Gosef Gaar)

Der Stongerdifu (Gedichtzyklus)

Rebellion als Stadt (Gedichtband)

Rebellion als Land (Gedichtband)

Vewenheugen (Gedichtband)

Die Wächter der Stille (Roman, zusammen mit Gosef Gaar)

Impressionen aus Riglomm (Gedichtband)

Die Wurzel. 19 Studien (Essayskizzen)

Sammelnde Werke (Gedichtzyklus)

Der Osvogel (Gedichtfragment)

 

(Artikel 2013)

 

Der Osvogel stampft klühkarg im Abendstrom,

 

   sein Gefieder erstrahlt seid;

 

   seine Finger sind reid.

 

Der Osvogel zimpft und zampft verlau herum,

 

   sein Fuß ist koh,

 

   sein Zahn ebenso.

 

Geschwind so eile doch, du Narr!

 

   vergib der Säge!

 

   wie wir so träge.

 

Betrachte nun dein Antlitz karr!

 

   wie ich höhne

 

   alles grüne.

 

(Anfang des Gedichtfragments "Der Osvogel", publiziert postum, 744 n.I. im Gosef Gaar Verlag)

 

Der Am

Die faste For die gehet nun,

sprengt zadauch mir fein,

Groß und xastig schiebt merun.

Eile ran der Züge Flucht,

murt und klagent Lied,

Rehe winschen unser Ducht,

flezend nach.

 

Kollend fest die grabe Brust,

rinn und troff die Seide lan,

Eschenstaub in dem Lokust.

Stoff der zog die Gearme nieder,

blieb zerriss zurück,

Beten durftest du nie wieder,

Ufernd Bach.

 

Lieter bracht das Schlunge von,

flote schieb nach dir,

Eisen bloss, Zung´ strauchte an,

Glötze doch! Sie brischte oben,

klomme durch den varten Sung,

Lembig sieht der Duch gestoben,

sehend wach.

 

Atin Aolay, Sammelnde Werke, Nr.1

 

 

EIN WUNDER IN GERADEN BAHNEN

 

Karbes Hoch, grasend Feuer Bündel,

in herber Richtung führend,

nie; obgleich gewonden Sindel

bringt die lohe Ernte ein,

Giebend starke Sumischkeit.

 

Atin Aolay, Impressionen aus Riglomm, Nr.9

 

 

Blaue Straße

Aule weit in stummer Zwietracht,

der du kamst, und der du strollst,

fährst du fort in deiner Wiedacht

mühst du Sterne weiter fort.

 

Milchig weiße Meilensange,

krönt dich auch der Stornenkier,

magst du Essig oder Tange

in die Kreide bieten hier.

 

Zornes Feuer, strahger Glanz

hastig ferselnd, bröckelig,

eilt mein Aber, Fenster Tanz

löcht die Weite treppendick.

 

Du geschehe, du vernichte!

Werde weiter, schwarzes Grab,

Diese turtet schnell verzichte,

weil sie bauche Lieder gab.

 

Atin Aolay, Sammelnde Werke, Nr.10

 

 

Die Gleichen

Öfter Ziete gnarrt in Wäge,

Debend und mit Feuerlaute,

Reben fallen stauer Säge,

aus in tauter Jägesfraute.

 

Nieder stellt der Mauerstange,

federnd knallent Radt,

Gemalte Wege braun verlange,

tief die Erde ruhend Saat.

 

Echter Suttung meilend Faß,

dort der Loh verdingend Tonnt,

Bitt der alten Murzel das,

stahl die narge Weise flonnt.

 

Nun neuren alle glaben Gisla,

schwehend in der Vaasu,

belbend Grobe stuckten diesla,

auferbringt der gunen dazu.

 

Atin Aolay, Sammelnde Werke, Nr.8