Neuer Antisentimentalismus (745 - 760 n.I.)

Die Neuen Antisentimentalisten griffen die Idee der Negation des Subjektiven noch einmal neu auf. Für ihre Zeitgenossen hatte dies ein gewisses Provokationspotential, denn die Schreier-Revolte im Jahre 710 n.I., die aus Zusammenstößen eben jener Antisentimentalisten mit ihren ästhetischen Kontrahenten entstanden war, hatte eine tiefe Spur im gesellschaftlichen Bewusstsein der Kleinwelt Thiios geschaffen.

 

Für die Generation unmittelbar nach der Revolte war das Gedankengut sowohl der Antisentimentalisten als auch der Schreier tabu, man versuchte ästhetisch bewusst neue Wege zu gehen. Umso verlockender schien es der jüngeren Generation um 745 n.I., diese Ideen wieder aufzugreifen; eine Rebellion gegen die Generation ihrer Väter, wenn man so will.

 

Diese Strategie war für eine kurze Zeit lang erfolgreich, doch bereits 760 n.I. waren die Neuen Antisentimentalisten aus dem öffentlichen Diskurs wieder weitgehend verschwunden. Ihre Vertreter entwickelten ihren Stil jedoch noch bis in die späten Achtzigerjahre weiter. Die Werke der wenigen weiblichen Vertreter des Neuen Antisentimentalismus wurden später auch von der feministischen Bewegung aufgegriffen.

 

Die engere Gruppe um Grusslin, Heppenbirck und Lāroust

Die Geschichte der frühen Neuen Antisentimentalisten ist voller merkwürdiger Anekdoten. Es scheint nämlich, als ob einer ihrer bedeutendsten Polemiker, Mogoy Lāroust, selbst gar kein Vertreter dieses Stils war.

 

Im Jahr 743 n.I. brachte ein technisch gewiefter Immigrant namens Oranis Chãwümtr eine neuartige Sonnenbrille auf den thiioer Markt; diese war in der Lage, selbstständig in regelmäßigen Zeitabständen die Farbe ihrer Gläser zu wechseln. Durch die Größe der Gläser wurde zudem das Gesicht weitgehend verdeckt, was zur Folge hatte, dass der Träger dieser Brillen ausgesprochen anonym wirkte.

 

745 n.I. begann ein gewisser Mogoy Lāroust in mehreren Zeitungen mit satirischen Artikeln Aufsehen zu erregen, in denen er Antisentimentalistische Parolen verteidigte. Wie man heute weiß, verfolgte Lāroust dabei in erster Linie das Ziel, zu provozieren, hierbei war er aber ausgesprochen erfolgreich.

 

 

Durch die kontroversen Diskussionen angeregt, begannen einige junge Künstler nun, sich ernsthaft mit antisentimentalistischen Ideen zu beschäftigen. Sie machten es sich zum Ziel, neue Mittel zu finden, um den Ziele dieser Ästhetik zu begegnen.

 

Bereits 745 n.I. erschienen die ersten "Verbgedichte" von Rivio Gattengnardt, und 746 n.I. folgte dann die Veröffentlichung der ersten Romane von Enno Heppenbirck und Berg Grusslin. Lāroust provozierte weiter die Öffentlichkeit, indem er sich als eigentlicher Autor dieser Werke ausgab - da die Negation des Subjektiven ja das Hauptziel des Antisentimentalismus war, konnten deren Vertreter ihm kaum widersprechen.

 

Noch im selben Jahr breitete sich in der thiioer Jugend eine Mode aus, sich nach der Weise Lārousts zu kleiden: Mit kurzen, grau gefärbten Haaren, grauer neutraler Kleidung und den farbwechselnden Sonnenbrillen. Dadurch, dass sich viele, die sich so kleideten, zum Verwechseln ähnlich sahen, wurde nach Lārousts Meinung das antisentimentalistische Ideal erfüllt; es gab keine Individuen mehr.

 

Was von Lārousts Seite als Scherz begann, wurde für ihn allmählich offenbar ernst, jedenfalls schloss er sich 746 n.I. der wachsenden Gruppe an, die sich als "Neue Antisentimentalisten" bezeichneten.

 

Wichtige Mitglieder dieser Gruppe:

 

Enno Heppenbirck (721 - 817 n.I.) - Romancier, unoffizieller Leiter

Rivio Gattengnardt (713 - 804 n.I.) - Dichter

Berguhad "Berg" Grusslin (720 - 823 n.I.) - Romancier

Gradiss Binnebiers (724 - 832 n.I.) - Romancier, Theaterautor

Ingerhad Marevesel Suchplin (709 - 790 n.I.) - Romancier, Dichter

Trudene Allerwick (718 - 800 n.I.) - Romanautorin, Theaterautorin, Dichterin

Mogoy Lāroust (706 - 784 n.I.) - Polemiker, Dichter

Wichtige Werke des Neuen Antisentimentalismus:

 

746 n.I. - "Anordnungen", Roman von Berg Grusslin

746 n.I. - "Groß abgebrochen", Roman von Enno Heppenbirck

748 n.I. - "Vierundzwanzig Wolken", Verbgedichtsammlung von Rivio Gattengnardt

748 n.I. - "Rote Nacht umschreit", Roman von Ingerhad M. Suchplin

751 n.I. - "Titel: Das Bücken", Roman von Berg Grusslin

752 n.I. - "Die Schulung der expliziten Anrede", Roman von Berg Grusslin

752 n.I. - "Völker, Grenzen, Gewebe - ein Massentheater", Drama von Gradiss Binnebiers

753 n.I. - "Kalte Novizin", Roman von Trudene Allerwick

759 n.I. - "Festung Selbst", Roman von Ingerhad M. Suchplin

764 n.I. - "Die dritte Armut", Drama von Gradiss Binnebiers